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Vom Umschiffen von Konflikten…

7. Oktober 2008

… oder die Geschichte von der neuen Brille

Meine Mutter brauchte eine neue Brille,

die alte war total verkratzt. Wir haben sie zusammen ausgesucht, ähnliches Gestell, selbe Sehstärke, gute, sehr teure Gläser, sie soll ja ganz lange halten. Brille abgeholt, probiert.
Jaja ist gut„.
Am nächsten Tag war die Brille weg, gut eingepackt in der Schublade. (na, immerhin )
Auf Nachfrage:
Bring die zurück!
„Drückt sie dich irgendwo?“
Ich will sie nicht!!
Aufregung pur.
Ich schmeiß sie in die Ecke!!!

Ich war nun eigentlich ärgerlich, denn die Brille war sehr teuer, aber meinte dann nur:
„Na gut, musst sie nicht aufsetzen, die alte tut es ja auch noch.“
Sichtbare Erleichterung.

Einige Zeit später, in einer guten Minute, hab ich nochmal nachgefragt.
Die Antwort war verblüffend:

Weisst du, ich hab die Brille aufgesetzt und wollte was Schönes sehen, aber da war nichts Schönes, deshalb mag ich sie nicht.
ich: „Ja, das kann ich verstehen“.
Ich hab sie dann in den Arm genommen und sie war happy.
„Probieren wir es nochmal?“
Ja, wenn du meinst
„Schau mich an, dann siehst du was Schönes“
Sie lachte und die Brille war akzeptiert.

Diese Geschichte wollte ich schon lange mal wieder hervorholen und erneut zur Diskussion stellen. Sie war mein erster Beitrag im Forum und wurde überhaupt nicht verstanden. Ich hatte sie dann nochmal erzählt.

Bring die zurück!
„Drückt sie dich irgendwo?“
Ich will sie nicht!!
Aufregung pur.
Ich schmeiß sie in die Ecke!!!

Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, wenn ich versucht hätte sie zu überzeugen und ihr irgendwie die Brille schmackhaft zu machen. Jede Diskussion wäre sinnlos gewesen, ein Vorwurf verheerend.
Ich wäre nie zu meinem Ziel gekommen und wir beide hätten uns schrecklich aufgeregt und es wäre ein langewährendes Gezerre gewesen.
Das hatte ich jahrelang, dazu habe ich keine Nerven.

Und ich war wirklich ärgerlich, denn mein erster Gedanke war: muss es denn um alles und jedes so ein Theater geben??? Die Brille hat 280€ gekostet!!! Ich hatte keine Ahnung um was es jetzt wieder ging und es traf mich mal wieder vollkommen unvorbereitet.
Der einzige Weg, ihr und mir den Dampf aus den Segeln zu nehmen war, die Sache zu vertagen.

„Na gut, musst sie nicht aufsetzen, die alte tut es ja auch noch.“ Mein Ton war sicherlich leicht vergrätzt, aber nicht wirklich unfreundlich.
Sie merkte gleich, dass sie nun doch nicht kämpfen muss und nahm, bildlich gesprochen, die Fäuste wieder runter.

Auf das fehlende Kurzzeitgedächnis konnte ich mich nun nicht verlassen, denn die Brille war mit negativen Emotionen belegt, das bleibt erstmal haften. Ein einfacher Austausch der Brillen war daher nicht möglich, die Frau ist dement, aber nicht blöd.

Also habe ich eine Situation abgewartet, in der sie guter Dinge war und hab nochmal nachgefragt.
Die Antwort war verblüffend: „ Weisst du, ich hab die Brille aufgesetzt und wollte was Schönes sehen, aber da war nichts Schönes, deshalb mag ich sie nicht.
Natürlich hatte sie gemerkt, das ich nicht begeistert war von ihrer Abwehr und sie wollte mir eine plausible Begründung geben, um die Sache wieder einzurenken. Aber wie soll man etwas erklären, was man selber nicht recht begreift, was so über einen kommt, so verwirrt.
Ihre Antwort erschien ihr logisch und dass ich das akzeptieren konnte und Verständnis zeigte war für sie beruhigend, hat ihr Selbstbewußtsein aufgebaut und das Vertrauen gestärkt, dass sie mir auch wirre Sachen erzählen kann, ohne sich zu blamieren.

Denn natürlich hatte sie schon beim Reden gemerkt, dass das irgendwie Quatsch ist und sie hat gewußt, das ich es auch weiß.
Wir waren sozusagen Komplizen, wir – gegen die Krankheit.
Das bleibt, auch wenn diese Begebenheit ins Meer des Vergessens versunken ist.

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Nachbetrachtung:

Sehen ist eine große Herausforderung fürs Gehirn. Obwohl für mich die Physiologie der Sinneswahrnehmungen ein höchst spannendes Thema ist, mit dem ich mich schon viel und schon seit langer Zeit beschäftigt habe, sind mir die Auswirkungen des Gedächtnisverlustes bei Demenz erst nach und nach klar geworden.

Es werden zur Wahrnehmung ja alle möglichen Hirnbereiche benutzt und viel unbewußte Denkarbeit darauf verwendet, um die Information, die vom Auge kommt, auch zu verstehen.  Sehen hat sehr viel mit Gedächtnis zu tun, wir vergleichen unbewußt immer die eingehenden Informationen mit gespeichertem Wissen, und das in einem Augenblick.

Ich hab ja mal erzählt, wie meine Mutter mich mal fragte:

„sag mal, darf ich dich was fragen?“
na klar
„es ist aber ziemlich unangenehm“
sag schon
„seit wann hast du eigentlich zwei Köpfe und vier Augen?“

Es ist durchaus möglich, dass auch beim erstenmal Brilleaufsetzen irgendeine Wahrnehmungsstörung ihr eine furchtauslösende Welt zeigte und sie sich deshalb so arg aufgeregt hatte.

Das, und die überschießenden Gefühle durch krankheitsbedingte mangelnd Affektsteuerung ergeben dann fälschlich den Eindruck, der demenzkranke Angehörige sei aggressiv oder fange grundlos zu weinen an.

Grundlos?

Nein, es gibt für alles einen Grund.

Es ist nur nicht immer so einfach, ihn herrauszufinden.

Ein Kommentar

  1. Hallo henrie,
    das ist ein ganz supertoller Beitrag! Genauso und nicht anders muß man mit diesen Menschen umgehen. Du zeigst hier unglaublich viel Einfühlungsvermögen und tust genau das Richtige. Das ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn man selbst nicht gut drauf ist, kommt einem eine solche Reaktion gar nicht in den Sinn. Es zeigt aber wieder einmal, daß die Pflege Demenzkranker auch psychisch ungeheuer anstrengend ist; denn sie fordert unsere ständige Wachsamkeit und eine gute Beobachtungsgabe, sowie eine große Sensibilität. Manchmal ist man einfach zu müde oder es fehlt einem die Kraft dazu. Aber wenn es gelingt, kommen so wunderbare Ergebnissse dabei heraus. Wenn ich daran denke, was passiert, wenn man sich auf diese Debatte einläßt, dagegen redet, sich den Zorn des Erkrankten zuzieht und dann heißt es am Ende, er müssse „sozialverträglich“ gemacht werden… gaaaah! Ich finde es aber auch toll, daß Deine Mutter soviel Vertrauen zu Dir hat und auch noch äußern kann, was sie stört.
    Ich versuche auch, so oft es geht, irritierende Dinge zu vertagen und einen erneuten Anlauf zu nehmen, wenn Madame bessere Laune hat. Klappt meistens. Meistens…



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